daumenkino
Daumenkinographie
Volker Gerling

Januar 2026

Liebe Freundinnen und Freunde der Daumenkinographie,

unten finden Sie die Termine der nächsten Daumenkino-Abende. Bitte fühlen Sie sich sehr herzlich eingeladen! Und wer möchte, kann sich in der ARD Audiothek ein Gespräch mit mir anhören, das im November 2025 auf BR2 lief.


Donnerstag, 22. Januar, 20 Uhr, Freiburg im Breisgau
Schreinerei Wittich, Haslacher Straße 25

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe WENNVOLLISTISTVOLL
Die Veranstalter schreiben: "Alle geladenen Gäste können kommen, es gibt kein Anmeldeverfahren, keine Reservierungen, wer rein kommt, kommt rein, wenn voll ist, ist voll.
Einlass ist ab 19 Uhr, der Eintritt ist frei, ein geräumiger Hut geht rum, es gibt ein paar Hocker, einen netten Barbetrieb und Feuer vor der Hütte. Ganz einfach."


Freitag, 23. Januar, 20 Uhr, Ansbach
Theater Ansbach


Sonntag, 25. Januar, 18 Uhr, Hamburg-Harburg
Metropolis Kino / Planet Harburg


Freitag, 30. Januar, 20 Uhr, Ringenwalde / Uckermark
Landgasthof Zum Grünen Baum, Dorfstraße 57, 17268 Temmen-Ringenwalde

Im Rahmen der von Andreas Voigt kuratierten Veranstaltungsreihe "Der ländliche Dokumentarfilm". Der Eintritt ist frei, Platzreservierungen bitte unter Tel. 039881 - 44 016 (Gaststätte). Die Küche im Grünen Baum ist ausgezeichnet und wer den Besuch beim Daumenkino-Kino nicht nur mit einem Essen, sondern auch mit einem Kurzurlaub verbinden möchte, kann im Grünen Baum übernachten.

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IN MEMORIAM BERNHARD MARSCH (1962 - 2025)

Mitte der 90er Jahre lernte ich meinen Freund Bernhard kennen. Er war Cineast mit jeder Faser seines Körpers, Kurzfilmmacher, Filmclubbetreiber und das, was man einen Lebenskünstler nennt. Außerdem war er ein Bewahrer und Sammler von Alltagsdingen, die anderen unnütz erschienen, für ihn aber durch die Geschichten, die sie in sich trugen, voller Bedeutung waren. Er bewohnte zwei übervolle, gegenüberliegende Wohnungen im ersten Stockwerk eines Altbaus in Köln-Ehrenfeld. Ein Zimmer, das er untervermietete, war gerade frei geworden und ich zog bei ihm ein - zumindest dann, wenn ich gerade nicht in Berlin war.  Ich genoss es sehr,  in meiner Heimat, die ich zwei Jahre zuvor verlassen hatte, um in Babelsberg Film zu studieren, an der Seite von Bernhard ein gänzlich neues und unerwartetes Leben zu führen. Kurz bevor er wegen einer vorgeschobenen Eigenbedarfskündigung aus seinen Wohnungen ausziehen musste, fotografierte ich ihn. Das Daumenkino heißt Mann in seiner Küche (Köln 2001).

Bernhard fand auf der anderen Rheinseite in einem ebenfalls unsanierten Altbau mit Kohlenofen und Toilette auf dem Gang eine neue Bleibe. Kurz nach seinem Auszug kehrte er noch einmal zu dem Haus zurück, in dem er die letzten 18 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er entdeckte, dass eine seiner beiden Wohnungstüren im Zuge der Renovierung im Container gelandet war. Bernhard hatte das Bedürfnis, sie vor der Zerstörung zu bewahren und nahm sie kurzerhand mit. Aber nicht nur die Dinge, mit denen er sich umgab, wurden im Laufe der Jahre mehr, sondern auch die Anzahl seiner Wohnungen. Als ihm gut anderthalb Jahrzehnte später erneut gekündigt wurde, war er Mieter von vier Wohnungen mit insgesamt 12 Zimmern und sieben Kellern, die sich allesamt in ein und demselben Haus befanden. Wenige Wochen vor seinem Auszug und gut 18 Jahre nachdem ich ihn für das erste Daumenkino fotografiert hatte, fotografierte ich ihn erneut. Das zweite Daumenkino heißt Mann auf seinem Bett (Köln 2020) und zeigt Bernhard in seinem Lieblingszimmer, umgeben von den Dingen, die ihm besonders wichtig waren.  

Es stellte sich jedoch heraus, dass es ihm schwer fiel, der Veröffentlichung des zweiten Daumenkinos zuzustimmen. Ich ließ ihm und mir Zeit, wollte nichts erzwingen und hoffte, dass die Zeit eines Tages reif sein würde, um das Daumenkino zu zeigen. Regelmäßig sagte Bernhard, dass die Veröffentlichung prinzipiell absolut in seinem Sinne sei. Doch jedes Mal, wenn ich ihm einen Ort für die Premiere des Daumenkinos im Rahmen eines meiner Bühnenabende vorschlug, zögerte er.

Als ich im Frühsommer des letzten Jahres mit Bernhard telefonierte, sagte er, dass wir jetzt aber wirklich und ganz bald das  Daumenkino herausbringen müssten. Ich freute mich und beendete das Gespräch in dem guten Gefühl, dass wir unser Projekt, das wir vor inzwischen 23 Jahren begonnen hatten, nun bald in die Welt bringen würden. Vier Wochen nach diesem Telefonat rief mich ein gemeinsamer Freund an und fragte mich, ob ich schon gehört hätte, was passiert sei. Seine Stimme klang seltsam dünn und mein Herz rutschte mir in die Hose. Thomas erzählte mir, dass Bernhard am Abend zuvor in Köln von einer Straßenbahn erfasst worden war und noch auf der Straße gestorben sei. 

So kam es, dass die immer wieder vertagte Premiere des zweiten Daumenkinos schließlich in Bernhards Heimatort in der Nähe von Köln stattfand. In einer Kirche, unweit derer er aufgewachsen war, und vor den Augen von fast 300 Menschen, für die Bernhard nicht zuletzt durch seine radikale Art zu leben eine große Bedeutung hatte. Und wieder einmal staunte ich und staune noch immer, abgesehen vom Schmerz über den Verlust des Freundes, welch eine Dramaturgie das Leben hervorbringen kann: Bernhards Urne stand direkt vor der Leinwand, auf die seine Daumenkinos projiziert wurden, und sein Lächeln und seine Emotionen, die ursprünglich mir und der Kamera gegolten hatten, wurden zu einem posthumen Gruß an seine Freundinnen, Freunde, Bekannte und Verwandten, die teils von sehr weit hergekommen waren, um ihm ihre letzte Ehre zu erweisen. Und Bernhard wurde auf seiner Beerdigung in meinen Händen noch einmal für ein paar Sekunden lebendig. 

Im Januar und Februar finden zwei Gedenkabende für Bernhard statt, bei denen neben seinen sehr eigenwilligen und sehr sehenswerten Kurzfilmen auch seine beiden Daumenkinos gezeigt werden. Sollte Sie Bernhards Schaffen und sein Blick auf die Welt interessieren, dann fühlen Sie sich herzlich willkommen:

Samstag, 24. Januar, 20 Uhr, Hamburg
B-Movie

Dienstag, 10. Februar 2026, Berlin, Zeughauskino
19 Uhr: Gesammelte Werke I (u.a. mit den beiden Daumenkinos)
21:30 Uhr: Gesammelte Werke II (Kurzfilme von und mit Bernhard Marsch)

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Ich habe es bereits an dieser Stelle geschrieben und möchte es aufgrund der sich unerträglichen Lage in Gaza und der Ukraine nochmals wiederholen: Es betrübt mich zutiefst, dass keine Ausstellung, kein Kunstwerk, kein Bühnenabend das Leid der Menschen in der Ukraine, in Israel, im Gazastreifen und in anderen Kriegs- und Krisenregionen zu verhindern oder zu lindern vermag. Kriege wie wir sie immer noch und immer wieder erleben müssen, relativieren das eigene Tun brutal und zeigen, was für ein unglaublicher Luxus es ist, sich über viele Jahre hinweg dem inneren Kompass folgend mit dem Medium Daumenkino auseinandersetzen zu können.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr. Vor allem jedoch wünsche ich, dass den Menschen irgendwann die Fähigkeit abhandenkommen möge, moralisch in der Lage zu sein, einander zu töten.

Dennoch: Wie immer in Vorfreude auf ein Wiedersehen oder Kennenlernen und sehr herzlich,

Volker Gerling


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